Paul Hindemith: Mathis der Maler
   

Mathis der Maler
Oper in sieben Bildern

Libretto
Paul Hindemith

Uraufführung
28. Mai 1938, Zürich (Stadttheater)

Personen
ALBRECHT VON BRANDENBURG, Kardinal und Erzbischof von Mainz (Tenor)
MATHIS, Hofmaler des Erzbischofs (Bariton)
LORENZ VON POMMERSFELDEN, Domdechant (Bass)
WOLFGANG CAPITO, Rat des Kardinals (Tenor)
RIEDINGER, ein reicher Mainzer Bürger (Bass)
URSULA, seine Tochter (Sopran)
TRUCHSESS VON WALDBURG, Heeresbefehlshaber (Bass)
SYLVESTER VON SCHAUMBURG, Offizier (Tenor)
DER GRAF VON HELFENSTEIN (stumme Rolle)
SEINE GEMAHLIN (Alt)
DER PFEIFER des Grafen (Tenor)
HANS SCHWALB, ein Bauernführer (Tenor)
REGINA, seine Tochter (Sopran)

CHOR
Hofstaat, Offiziere und Soldaten, Mönche, Bürger, Bauern, Landsknechte

Ort
Süddeutschland

Zeit
1525 – 1530 (zur Zeit des Bauernkriegs)


ERSTES BILD

Antoniterhof am Main. Ende Mai, Mittagszeit, heller Sonnenschein. Die Stiftsgebäude befinden sich im Hintergrunde, ebenso ein grosses Tor, das auf die Strass führt. Links ist ein bunter Blumengarten, ein Brunnen davor, dessen Wasser in einen ausgehöhlten Baumstamm läuft. Wäsche hängt auf dem Zaun. Auf der rechten Seite ein gedeckter Gang. Hier steht Mathis, der damit beschäftigt ist, die Wände des Ganges auszumalen. Neben ihm steht ein Tisch, der mit Farbtöpfen, Tiegeln und Flaschen angefüllt ist. Auch einige bunte Tücher und ein Buch liegen da. Ein wenig ermattet durch die Wärme des sonnigen Mittags legt Mathis sein Malgerät beiseite und reinigt mit einem Lappen die Pinsel.

ERSTER AUFTRITT

MATHIS
Sonniges Land. Mildes Drängen
Schon nahen Sommers. Das erregt
Und betäubt zugleich. Leicht erstehen
Pläne und Taten, fast wie in jungen
Jahren.
Er reckt sich in der warmen Sonne.
Wo sonst trübe Schatten hängen,
Ist ringsum alles Sein im Licht bewegt.
Ist das nicht Frühling: Die Ahnungen
Des ewigen Keimens für die des wehen
Immersterbens zu erleben.
Wie soll
Ich, allem Wachsen eng verbunden,
Dem zarten Ruf zu Willen sein,
Wenn mir des Zweifels Pein
Tagtäglich aufreisst neue Wunden?
Hast du erfüllt, was Gott dir auftrug?
Ist, dass du schaffst und bildest, genug?
Bist nicht nur eignen Nutzens voll?
Er setzt sich zum Blumenzaun.
Betrübe nicht mit grauer Grübelei
Den hellen Tag! Nimm demütig wahr,
Was eine Stunde Lichts darbietet. Dies Jahr
Rann allzu schnell vorbei.

Das MittagsgIöckchen ertönt. Man hört den Chor der Antoniterbrüder.

CHOR
Rector potens, verax Deus, qui temperas rerum vices,
Splendore mane illuminas, et ignibus meridiem.

MATHIS
betrachtet versonnen während des Chores sein Bild
Gesichte, die ich hier in Formen bannte, glühn sanft dem
Sonnentag entgegen. In leisem Zwiegespräch raunt es
Zitternd im Licht. Bliebe doch ein Rest des
Blühens in mir, da ich zurück muss. Die Zeit ist um.

CHOR
Extingue flammas litium, aufer calorem noxium,
Confer salutem. corporum, veramque pacem. cordium.
Praesta, Pater piissime, Patrique compar Unice,
Cum Spiritu Paraclito, regnans per omne saeculum.


ZWEITER AUFTRITT

Das Hoftor wird aufgerissen, Schwalb stürzt herein, abgehetzt und am Kopf verwundet. Er pocht an die Haustüre. Gleich nach ihm kommt Regina.

SCHWALB
Aufmachen! Helft uns! Seid ihr voll Mitleid,
Wie ihr vorgebt, bringt ein Stück Brot.

Er bricht auf der Schwelle zusammen.

MATHIS
geht auf ihn zu
Was geschieht da?

REGINA
hilft dem Vater
Willst du noch weit?
Du verlierst zu viel Blut, lass uns bleiben.
FäIlst in Ohnmacht. Dann schlagen sie uns tot,
Wenn sie uns greifen.

Brüder kommen aus dem Hause.

MATHIS
bemüht sich um Schwalb und gibt den Brüdern Aufträge. Diese gehen ab und zu und bringen Verbandstoffe und Speisen.
Bringt ein Tuch
Und Salbe. Schnell!
zu Schwalb, der stehend isst
Du, leg dich ein wenig nieder.
Lass dich pflegen.

SCHWALB
reisst sich los
Sie verfolgen mich, sie treiben
Uns vor sich her!

MATHIS
beruhigt ihn
Alles ist ruhig. Du erholst dich wieder.

SCHWALB
Sie dürfen mich nicht fangen!

MATHIS
Zeit ist genug.
Sie kommen nicht. Her ist kein Verfolger mehr.

SCHWALB
Ach Frieden -

Er fällt in Ohnmacht. Die Brüder tragen ihn auf eine Bank im Hintergrunde und beschäftigen sich mit ihm.

REGINA
stürzt herbei
Was ist ihm geschehen?

MATHIS
führt sie nach vorn
Er braucht nur Ruhe, Iass ihn gehen.

REGINA
Es ist zu viel, die Plage zu gross.

MATHIS
Woher
Kommt ihr denn? Was für Leute seid ihr?
Dein Kleid ist von Staub und Schmutz schwer.

REGINA
Die Wärme, der lange Weg. Darf ich mich
Am Brunnen ein wenig waschen?

MATHIS
ist ihr behilflich, holt ein Tuch vom Zaun
Willst du
Nicht ruhen und essen? Ich bringe dir ‑

REGINA
Lasst, jetzt nicht.

MATHIS
Denk nicht immerzu
An alles Leid. Vergiss.

REGINA
Ihr seid freundlich.
singt matt vor sich hin, während sie sich wäscht
„Es wollt ein Maidlein waschen gehn
Bei einern kühlen Brunnen.
Ein weisses Hemdlein hatt' sie an
Wohl in der hellen Sonne.“

Die Tränen kommen ihr.

MATHIS
sie ablenkend
Schön singst du!

REGINA
fasst sich wieder
lhr solltet mich sonst hören!
Heut ist's nicht recht.

MATHIS
Versuch's noch einmal dann.

REGINA
Leise, damit wir den Vater nicht stören.
„Es kam ein Reuter hergeritten
Zum Maidlein an den Brunnen.
,Willst du, mein Lieb, nicht mit mir ziehn
Wohl in der hellen Sonne'?“

MATHIS
Siehst du, es hört sich schon besser an.

REGINA
„Der Reuter gab ihr ein seiden Band
Bestickt mit Purpurrosen –„
Hätte ich jetzt auch ein Band hier,
Bände ich mir das Haar. lhr solltet sehn,
Wie hübsch ich dann bin!

MATHIS
Schau, dafür
Weiss ich dir guten Rat.
Er nimmt ein buntes Band von seinem Tisch.
Willst du das
Tragen? Meinst du, es wird dir gut stehn?

REGINA
So zart! So schön! Ist es wirklich mein?
Niemand hat ein schöneres. Dank' euch.

MATHIS
Das lass
Nur sein. Mich freut's, wenn es dich beglückt.

Sie bindet das Band um und betrachtet sich im Brunnenwasser.

REGINA
Nun seht, bin ich nicht fein geschmückt?

MATHIS
Oh! Viel schöner als des Königs Kind,
Das es zuerst trug.

REGINA
Habt ihr das Band
Vom Königskind selbst bekommen?

MATHIS
etwas verlegen
Nein ‑
Nein ‑ ich bekam's ‑ ich fing's im Wind ‑
Ein Schiff brachte es aus dem Land
Westindia. Dort soll das Paradies sein.
Die Sonne scheint ewig. Niemals fällt
Das Laub vom Baum. Kein Winter plagt
Die braunen Menschen. Hast du je
Davon gehört?

REGINA
Niemand hat mir gesagt,
Dass es anderes gibt als das Feld,
Die Berge, den Wald, die Flüsse, die ich seh'.
Ich weiss nur von einem Land, da ich Kind war,
Als meine Mutter lebte. Das ich
Mit meinem Vater durchzog manches Jahr;
In dem der Krieg fürchterlich
Wütet; durch das wir nun
Geschlagen ziehn. Können kaum ruhn;
Schmutz, Hunger, Elend und Wunden, die sehn
Wir als treue Begleiter mit uns gehn.

Schwalb ist bei den letzten Sätzen erwacht. Er springt auf, geht schnell auf Mathis und Regina zu. Die Brüder gehen ins Haus.

SCHWALB
Was redest du da? Geh ins Haus hinein.
Lass dir Essen geben.
Regina geht ins Haus.
Sie redet viel
Wenn der Tag lang ist.

MATHIS
Du solltest doch
Liegen bleiben.

SCHWALB
bleibt vor Mathis' Malerei stehen
Kümmre dich nicht. Ich fühl'
Mich gut. Die Schwäche ist vorüber.
tut erstaunt
Nein,
Ist das möglich! Man malt, das gibt es noch!

MATHIS
Ist es sündhaft?

SCHWALB
Vielleicht, wo so viel Hände
Gebraucht werden, die Welt zu bessern.

MATHIS
lächelnd
Wann brachten
Zerschlagene Köpfe je Besserung?

SCHWALB
Eher
Als deine gemalten Heiligen.

MATHIS
Dich könnte
Ein Bild freilich nicht bekehren. Wie machten
Dir auch die Künste Sorgen? Sie leben näher
Bei Gott und gehorchen eignen Gesetzen.

SCHWALB
Darum
Haben sie keinen Sinn für den gemeinen Mann.
Die Welt ist im Aufruhr, der Bauer geht um.
Ein jeder packt zu, wo er immer kann.
Denk an dein eigenes Blut. Jeder Schlag,
Der den Bauern quält, trifft auch dich.
Und Schläge setzt es genug. In Fron dient er Tag
Und Nacht. Man stampft sein Feld darnieder,
Sein Vieh nimmt man ihm, mit Steuern und Zoll
Wird er gepresst, geplagt ist er fürchterlich.
Recht hat nur der Reiche. Den armen Hansen
Darf jeder schinden. Wenn er nur immer wieder
Den Fürsten und Pfaffen den Ranzen
Stopft, bis obenhin voll.
Aber das ist vorbei. Der Bauer begehrt auf,
Wirft das Joch ab. Durch Schwaben sind wir gezogen,
Siegreich immer, bis uns der Feind schlug.
Einmal nur. Unser Siegeslauf
Ist nicht gehemmt. Des Bauernheeres Wogen
Erreichen Würzburg. Wir haben Leute genug.
Doch Führer fehlen und Geld für den Krieg.
Das Heer des Bundes naht. Ist ihm der Sieg,
Ist der Bauer für alle Zeit vernichtet. Das
Kümmert dich nicht. Mag alles vergehn,
Du bleibst vor deinen Bildern stehn
Und malst, was niemand wissen will.
Hast du erfüllt, was Gott dir auftrug?
Ist, dass du schaffst und bildest, genug?
Bist nicht nur eignen Nutzens voll?

MATHIS
Was reissest du kaum vernarbte Wunden auf? Ich will
Ja nichts andres als helfen. Nimmt man
Mit meiner Arbeit nicht vorlieb? Ich plage mich
Einsam, suche nach Gleichnis und Lösung. Was kann
Ich noch tun? In aller Not, was soll ich?
Wo ist des Schaffens Boden, wo Wachsen und Reifen?

BEIDE
Was an Taten in dir aufblühen soll,
Gedeiht an der Sonne Gottes allein,
Wenn deine saugenden Wurzeln tief hinein
In den Urgrund deines Volkes greifen.


DRITTER AUFTRITT

Regina stürzt aus dem Hause auf Schwalb zu.

REGINA
Staub am Himmel, Pferdetraben; Vater, sie kommen herbei!

SCHWALB
zornig
Zum Teufel! Wer verriet uns?

REGINA
Wir müssen weiter.

SCHWALB
Was denn! Sie holen uns sogleich ein
Und hauen uns nieder.

REGINA
Wie kommen wir frei?

SCHWALB
zu Mathis
Schnell doch! Verbirg uns hier!

MATHIS
Die Reiter
Finden euch. Ihr müsst fort. Kommt hier hinein.
öffnet die Gartentür
Nehmt mein Pferd. Reitet schnell.

SCHWALB
drückt ihm die Hand
Gott segne,
Was du uns und den Bauern tust.

MATHIS
Mehr tu ich!
So viel ich kann. Alles!

SCHWALB
im Abgehen
Wann begegne
Ich dir wieder?

MATHIS
Bald, rechnet auf mich!

Alle durch den Garten ab.


VIERTER AUFTRITT

Pferdegetrappel. Sylvester von Schaumberg kommt mit einigen Reitern. Sie sitzen vor dem Tore ab, kommen schnell in den Hof und pochen an die Haustüre. Die Brüder kommen heraus.

SYLVESTER
Raus, Schwarzröcke, aus eurem Geniste!
Bei euch hätte ich sicher nicht die Fahrt
Nach Mainz unterbrochen, wüsste
Ich nicht von Leuten auf dem Felde, dass hier
Der Schwalb auf der Flucht sich verbirgt. Gespart
Hätte ich mir den Umweg. Wo habt ihr
Ihn aufgehoben? Gebt ihn heraus! Die Pest
Auf euch, wenn ihr ihn verbergt!

BRÜDER
ängstlich
Wir verbanden
Ihn, pflegten ihn und sein Kind. Wir wussten nicht,
Wer er ist.

Mathis kommt zurück.

SYLVESTER
Durchsucht das Nest!

BRÜDER
Er ist nicht mehr hier.

SYLVESTER
Nicht vorhanden?
Ihr halft ihm zur Flucht. Ein Standgericht
Für Verräter! Greift sie!

MATHIS
tritt vor
Lasst sie gehen. Ich gab mein
Pferd Schwalb zur Flucht. Sie wissen nichts.

SYLVESTER
Wer ist der?

MATHIS
Mathis, der Maler des Kardinals.

SYLVESTER
Ein
Treuer Untertan, der dem Feind
Zur Flucht verhilft! Was dein Herr dazu meint,
Wird sich zeigen.

MATHIS
Verklagt mich bei ihm, er
Wird mich richten. lhr trefft mich in Mainz. Dort
Bin ich in zwei Tagen.

SYLVESTER
Der Kardinal wird wissen,
Was Leuten deines Schlags gebührt.
Aufgesessen! Fort.


ZWEITES BILD

Saal in der Martinsburg zu Mainz. Vormittag. Erzbischof Albrecht wird von einer Reise zurückerwartet. Mainzer Bürger mit ihren Frauen. Geistliche, Studenten, Dienerschaft. Eine    Gruppe päpstlich gesinnter Bürger auf der einen Seite der Bühne, bei ihnen steht Pommersfelden. Auf der anderen Seite Lutheraner mit Capita. Die Studenten in der Mitte, die Frauen im Hintergrunde. Riedinger bei den Lutherischen, Ursula in seiner Nähe.

ERSTER AUFTRITT

PÄPSTLICHE BÜRGER
Dem Volk stopft man die falschen Lehren ins Maul. Es frisst
Sie alle. Wie könnte es anders im Lande zugehen,
Wenn der Fürst sich selten zeigt!

POMMERSFELDEN
Befehle habe ich
Von Rom. Geduldet euch, die Ketzerei wird gründlich
Ausgerottet.

LUTHERISCHE BÜRGER       
Wie sie wühlen. Voll Hinterlist
Tuscheln sie, und niemand hat je gesehen,
Dass sie sich offenem Kampfe stellten.

CAPITO
Still doch!
Ihr verderbt euch alles. Vertraut dem Kardinal,
Lasst die Zeit und kluge Köpfe für euch arbeiten.

HUMANISTISCHE STUDENTEN
Jeder planscht im eignen Sumpf. Sie sehen nicht, was hoch
Über ihnen geschieht.
zu den Päpstlichen
Das Licht macht den Eulen Qual,
Darum vertriebt ihr den Hutten aus Mainz.
zu den Lutherischen
Verleiten
Wollt ihr den Fürsten, euch beizustehn. Nicht einem
Von euch wird er helfen! Dem freien Geist
Antiker Weisheit wird hier ein reines Reich erstehen.

PÄPSTLICHE
Reinigt nur. Wir wissen, wo der Dreck liegt.

LUTHERISCHE
Ja, keinem
War das je so bekannt wie euch.

STUDENTEN
Den Gegner schmeisst
Nur in den eignen Schmutz, so gleicht sich's aus.

PÄPSTLICHE
Gehen
Heut die Bittel aller Sorten frei herum?

LUTHERISCHE
Da man
Euch doch verwahren sollte!

STUDENTEN
Mit scharfen Waffen bekriegt
Man sich. Hier Motten, dort verstaubte Kittel. Wer kann
Da abseits bleiben?

Handgemenge

CAPITO
will beruhigen
Das Übermass von Unverstand!

EINIGE FRAUEN
Mit Kamm und Bürste hat man euch mühsam zurechtgemacht.
Wie richtet ihr euch zu!

ANDERE FRAUEN
Man könnte sich schämen
Für das Mannsvolk. Stets muss es streiten. Ein Zustand,
Den Kardinal zu empfangen!

PÄPSTLICHE                                                                 
Dem Leib eine Tracht
Prügel, dem Geist die Verachtung aller Frommen.
Dann haben sie, was sie so gerne nähmen:
Die Gnade in beiderlei Gestalt.

POMMERSFELDEN
ringt die Hände
Eine SchIägerei
Zum Empfang des Fürsten.

LUTHERISCHE
in höchstem Zorn
Schickt, was ihr bekommen
Habt, getrost nach Rom. Den Heiligen Vater freut
Gewiss der Peterspfennig.

STUDENTEN
ebenso
Es erweist
Sich, dass der alten Zeiten Heldengeist
Den Kleinsinn und die Unvernunft auch heut
Besiegt.

CAPITO
Unser Herr, der Kardinal! Den Weg frei!


ZWEITER AUFTRITT

Kardinal Albrecht mit Gefolge. Vor ihm her wird eine mit Brokattüchern bedeckte Lade getragen. Als er die gerade noch auseinanderstiebenden Männer bemerkt, lächelt er fast unmerklich.

ALBRECHT
Nach dem Lärm vieler Orte, dem Zetern, Streiten
Empfängt mich in meinem lieben Mainz die Eintracht
Friedlicher Bürger. Dass ihr hier versammelt seid,
Freut mich. Meine Liebe wird euch begleiten.

segnet sie

ALLE
verneigen sich
Die Stadt begrüsst in Ehrfurcht ihren Herrn nach langer Zeit.

ALBRECHT
Kann ich nicht immer bei euch sein, bin ich doch bedacht,
Den Ruhm der Stadt zu mehren. Hier soll versammelt sein,
Was an Werk und Wort Edles der Menschengeist
Hervorbringt. Ein deutsches Rom am Rhein.
Nehmt dies Geschenk als Zeugen für mein Wort hin.
Kniet nieder.
alle tun es
Es ist der Leib des heiligen Martin,
Des Schützers unseres Doms.

LUTHERISCHE
beiseite
Jeder hat zumeist
Nur einen Leib. Bei diesem weiss man von drei Leichen.

CAPITO
ebenso
Wenn uns nichts sonst jetzt als ein toter Heiliger fehlt!

PÄPSTLICHE
ebenso
Dem anderen Martin ein Warnungszeichen.

POMMERSFELDEN
ebenso
Niemand ehrt Heilige wie ich. Wer aber bringt das Geld
Auf, sie zu zahlen?

ALBRECHT
Mich soll er mahnen, zu teilen
Gück und Kummer mit meinem Land. Euch sei
Er Vorbild in der Kraft des Glaubens, in der Verfolgung
Hoher Ziele.

POMMERSFELDEN
... zu vernichten die Ketzerei.

LUTHERISCHE
... Luthern zu stützen.

PÄPSTLICHE
... die Wunden der Kirche zu heilen

STUDENTEN
... Ein Reich der Vernunft zu erstreben.

ALBRECHT
Im Dome sei
Das Heiligtum zur Schau gestellt. Wer ihm Verehrung
Zollt, sei von der Strafe für viele Sünden frei.

Die Reliquie wird hinausgetragen, langsam leert sich der Saal. Einige bevorzugte Bürger werden von Albrecht besonders begrüsst und gehen dann auch. Schliesslich bleiben ausser Capito und Pommersfelden nur noch Riedinger und Ursula zurück. Albrecht geht erfreut auf sie zu.


DRITTER AUFTRITT

ALBRECHT
Man fühlt den Segen, der auf eurem Lande ruht. So froh
Ist man nicht überall.
gibt Ursula die Hände
Und in dir, Ursula, stellt
Sich sein Wesen dar: Klugheit und Anmut vereint.

URSULA
Das unverdiente Lob verwirrt mich so
Dass mir mein Sprüchlein zum Willkommm entfällt.

ALBRECHT
scherzend
Erfinde drum, da du in aller Kunst erfahren
Bist, ein neues.

URSULA
Mein karges Wissen sagt, was jeder meint:
Alleinsein schmerzt.
Mathis kommt, verneigt sich, Ursula bemerkt ihn zuerst.
Ein Jahr lang waren
Wir getrennt von allem, was wir lieben.

ALBRECHT
hat Mathis bemerkt, empfängt ihn freudig und führt ihn zu den übrigen
Gewinnst
Du auch mein Herz, gib einem Würdigeren
Was er verdient. Sieh, Mathis tritt zur Arbeit pünktlich
An. Ein Jahr der Ruhe gab ich ihm und weiss,
Was Ruhe bei ihm heisst: Er schafft an seinem Werke,
Da ihn nichts andres hindert, mit doppeltem Fleiss,
Wo ich der Kunst nur mühsam. schmalen Dienst
Erweise.
geht mit Riedinger auf die andere Seite der Bühne
Was unternähme ich nicht, sie zu ehren!
Die Mittel hierzu fand ich stets,
bedauernd
Doch jetzt ist's weidlich
Schwer, neue zu finden.

RIEDINGER
Benutzt des Bürgers Stärke,
Wo ihr schwach seid. Ich helfe gern aus jeder Not
Mit meiner Habe.

ALBRECHT
Ein willkommnes Angebot.

Mathis steht bei Ursula. Sie ist verwirrt. Er ergreift ihre Hand.

MATHIS
Empfängst du jeden Ankömmling mit gleicher Herzlichkeit?

URSULA
Ich bin ihm dankbar. Kehrte er nicht heim, kämst du
Ein Leben lang wohl nicht zurück.

MATHIS
Da ich nach stetem
Irren zwischen Ziel und Zweck das unbegrenzte Fliessen
Von mir zu dir erneut begreife, ist mir, als ob seit
Gestern nur die Trennung war. Mit jedem
Atemzuge kommst du näher.

URSULA
Du bist zu
plötzlich nah, vertraut und doch so fremd für diesen
Augenblick.

MATHIS
Bei dir allein, dann kam ich wirklich an.

URSULA
Wer ist's, der dann erscheint, ein alter Freund, ein neue Mann?

MATHIS
Ein neuer Freund.

ALBRECHT
zugleich mit Mathis und Ursula
So grosse Teilnahme bei meinen
Freunden erhebt mich. Mit allen meinen Kräften soll
Sie belohnt sein.

RIEDINGER
Dürfen wir sagen, was uns bedrängt?
Voll Entrüstung vernimmt der Bürger: Einen
Scheiterhaufen soll er errichten. Eine Stadt, die
Allezeit durch freies Denken sich hervortat,
Soll Bücher verbrennen! Man nennt sie ketzerisch, doch sie
Sind voll Gottesfurcht, wie irgendeine fromme Schrift.

ALBRECHT
aufgebracht
Man
Wagt es! Wer befiehlt das?

POMMERSFELDEN
Der römische Legat.

ALBRECHT
bestimmt
Es unterbleibt.

RIEDINGER
Entschieden alle Fürsten so, vom
Zwiespalt wären wir bald frei. Nehmt unsern tiefsten Dank.

Albrecht entlässt Riedinger und Ursula. Capita, Pommersfelden und Mathis bleiben.


VIERTER AUFTRITT

POMMERSFELDEN
eindringlich zu Albrecht
Rom
Verzieh oft, was ihr euch an Freiheit nahmt. Es kann
Den Ungehorsam niemals dulden. Die Bücher müssen
Brennen.

ALBRECHT
Ich kann mich nicht gegen den Geist vergehen.

POMMERSFELDEN
Ein
Geist nur ist: der des Gehorsams. Ein Priester, der sich
Widersetzt, muss fallen.

ALBRECHT
verärgert
Dann wider Willen und Wissen:
Verbrennt die Bücher.
Pommersfelden reicht ihm ein Dekret zur Unterschrift. Albrecht unterzeichnet und wendet sich dann zu Mathis.
Erfreulicheres lass
Uns verhandeln. Für das neue Heiligtum wird ein Schrein
Erstehen. Du nimmst alles, was an Stoffen herrlich
Und kostbar ist. Erfinde Unirdisches, dass
Die Seele des Andächtigen nicht weiss,
Ob ihr Erhebung auf des Heiligen Geheiss,
Ob durch dein gnadenvolles Werk geschah.

POMMERSFELDEN
Das Kapitel ist gegen den Maler da.
Einen kranken Bettelmann stellt er uns als Heiland
Hin. Für uns ist ein Heiliger kein Bauer.
Und die Gottesmutter war keine Weisenauer
Kuhmagd.

ALBRECHT
begütigend
Seid nicht so streng, mein lieber Dechant.
Der hochgelehrte Capito beweist euch klar:
Sie war keine Mainzer Bürgertochter.

CAPITO
Gar
Manches sonst vielleicht. Wenn wir den Bücherstoss
Verbrennen, wird sich der Mainzer Bürger weigern, Geld
Zu leihen. Wer malt uns dann Altäre?

ALBRECHT
Mir fällt
Nicht mehr ein Taler aus der Tasche. Wie gross
Ist die Summe, die mir das Kapitel gibt?

POMMERSFELDEN
wehrt ab
Zölle,
Wein und Roggen sind auf Jahre verpfändet. Ich kann nicht
Einmal Gernsheim auslösen.

ALBRECHT
Nehmt für Höchst Geld auf.

POMMERSFELDEN
Geschah schon.

ALBRECHT
Ein neuer Ablass.

POMMERSFELDEN
Diese Quelle
Hat uns Wittenberg abgedämmt.

ALBRECHT
ungeduldig
Setzt den Zins hinauf,
Gebt schlechtes Geld aus, verringert Mass und Gewicht.

CAPITO und POMMERSFELDEN
Das bedeutet Aufstand und Krieg.

ALBRECHT
ärgerlich zu Capito
So überrede
Den Riedinger. Ich erfülle ihm jede
Forderung. Locke, zwinge ihn, fange ihn ein.
Es muss doch irgendwo noch Geld zu haben sein!


FÜNFTER AUFTRITT

Sylvester von Schaumberg kommt eilig

ALBRECHT
Was gibt's?

SYLVESTER
begrüsst den Kardinal und übergibt eine Rolle, die Albrecht öffnet
Eine Botschaft des Truchsess von Waldburg.

ALBRECHT
liest flüchtig und gibt die Rolle an Pommersfelden weiter
Ich soll sechshundert Reiter stellen und mit Geld
Den Kampf gegen die Bauern unterstützen.

SYLVESTER
gewahrt Mathis
Als ich durch
Das Land ritt, traf ich einen Mainzer Mann,
Der gab sein Pferd dem Bauernführer Schwalb zur Flucht.
Den Feind, den man seit langem sucht,
Entzieht er der verdienten Strafe.
zeigt auf Mathis
Hier
Steht er.

Albrecht verwundert

POMMERSFELDEN
entrüstet
Unglaublich! Wachen herbei!

Soldaten kommen

ALBRECHT
zu Mathis
Was er erzähIt,
Stimmt es?

MATHIS
Ja.

ALBRECHT
Keiner rührt ihn an. Mathis, her zu mir.
Sag, warum du das tatst?

MATHIS
So grosse Not kann
Uns nur auf der Seite der Bedrängten sehn. Mein
Fürst gebe kein Beispiel der Unmenschlichkeit.
Helfe nicht den Peinigern, breche nicht des Volkes Kern.
fleht knieend
Schickt keine Truppen, gebt den Bauern Freiheit.
Begeht nicht, was euch schuldig macht. Kein Geld den Herrn,
Und ich will euch dienen und tun, was ihr wollt, all mein
Leben lang.

POMMERSFELDEN
Ein Verbrecher, den Tod verdient er.

ALBRECHT
wehrt Pommersfelden, ruhig zu Mathis
Viele
Denken ebenso. Liesse mir mein Amt freie Wahl wie dir
Das deine, verfolgte ich oft bessere Ziele.

POMMERSFELDEN
empört
Uns binden Verträge!

ALBRECHT
entschieden
Bindet mich, zwingt mich
Mit Ziffern und Schrift. In der Kunst entscheide ich frei.
zu Pommersfelden
Tut ihr, was die Verträge von uns fordern.
zu Mathis
Mir
Missfällt es, sehe ich dich fremde Händel treiben.
Verrichte, was dir aufgetragen! Wir alle bleiben
Haften in unseren Grenzen.

MATHIS
verzweifelt
Meiner Brüder Angstschre
Lähmt mir die Hand, mit rotem Blut bedecken sich
Die Tafeln. Hängt mich, foltert mich! Nie mehr einen Strich!

ALBRECHT
stark
So zwingt dich dein Fürst: An deine Arbeit!

MATHIS
schreit auf
Niemand zwingt mich! Meinen Abschied will ich!

POMMERSFELDEN
Ein verrückt gewordener Untertan.

CAPITO
Kann er denn nie
Mass halten!

ALBRECHT
gibt es auf
Starrsinn für Liebe. Wer will ihm wehren
Das Bessere zu suchen? Ist seine Hoffnung stark, die
Unrast, die ihn treibt, beschert ihm Not und Leid.

SYLVESTER
Warum gibt er ihm nicht noch seinen Segen?
Was man erzählt, ist richtig: Am Mainzer Hof geht's
Merkwürdig zu.

CAPITO
Beide sind nicht zu belehren.
Ist einer reich begabt, verschwendet er den Reichtum stets.

MATHIS
Nur nichts mehr sehen von allem hier. Auf Wegen,
Licht und weit, ein Emporsteigen aus matter Dumpfheit.

POMMERSFELDEN
Was gilt ein Fürst? Was gilt die Kirche? Krank ist die Zeit.
rasend
Jetzt ist's genug. Schafft ihn fort.

Die Wachen wollen Mathis greifen.

ALBRECHT
Keinen Schritt.
Wollt ihr ihn richten, lernt ihn verstehen.
Will er zum Teufel gehen,
Lasst ihn, wenn es ihn dahin zieht.

Er weist auf die Türe. Alle ausser ihm and Mathis gehen ab. Mathis küsst Albrecht schüchtern den Ring. Albrecht geht langsam in den Hintergrund and öffnet ein grosses Fenster. Man sieht draussen in hellem Sonnenlichte den Rhein. Albrecht vergisst im Anblick der Landschaft ruhig lächeind das Vorgefallene. Mathis nähert sich ihm zögernd, will noch etwas sagen. Ohne ihn anzusehen, weist ihn Albrecht gemessen und bestimmt zurück. Mathis geht gesenkten Kopfes.


DRITTES BILD

Haus Riedingers am Marktplatz in Mainz. Eine nach rückwärts offene Halle; man sieht das lebhafte Treiben auf dem Platze. Die Vorbereitungen zur Bücherverbrennung werden getroffen. Es ist Spätnachmittag. In der Halle steht Riedinger und begrüsst seine Glaubensgenossen, die in kleinen Trupps ankommen und unter ihren Mänteln verborgen Bücher aller Art tragen.

ERSTER AUFTRITT

LUTHERISCHE BÜRGER und STUDENTEN
In dieser Arche wird unsre Habe
Die Sintflut überstehen. In Noahs Kahn
Erwarten wir getrost das Ölblatt.

RIEDINGER           
weist ihnen ein hinter einem Vorhang verborgenes Büchergestell an
Vorsicht, Freunde! Verbergt gut eure Gabe.
Das Versprechen, mein Haus zu schonen, kann
Uns nicht hindern, vorsichtig zu sein.

BÜRGER und STUDENTEN
verbergen die Bücher
Eine neue Heimstatt
Schützt euch vor allzu grosser Wärme.

EINIGE
Schlaft
Aus.

ANDERE
Wenn ihr das Feuer knistern hört, bedenkt,
Dass nach dem Tode eurer Brüder ihr
Berufen seid, eine stolze Herrschaft
Neu zu errichten.

DRITTE
Wartet hier,
Bis Gott euch frohe Auferstehung schenkt.

Landsknechte des Kapitels kommen mit Körben und Säcken, um Bücher zu holen.

RIEDINGER
Ihr wisst, dass ihr hier nichts finden könnt.
Was wollt ihr also?

BÜRGER und STUDENTEN
Sie sollen nicht vergeblich
Gekommen sein.

geben den Landsknechten irgendwelche Bücher aus einem Schrank.

EINIGE
Ein arges Teufelsbuch:
»Eulenspiegel«.

ANDERE
Für euch das «Narrenschiff».

DRITTE
Verbrennt
«Die Schelmenzunft». Das Feuer wird vor Freude sich
Verdoppeln.

ALLE
Habt ihr noch nicht genug?

Capito kommt schnell.

CAPITO
Sind euch im Dienste Roms die Wühlrüssel
Nicht gewachsen?
Geht auf das Versteck zu, zieht den Vorhang zurück und weist auf die Bücher. Zorniges Erstaunen bei den Lutherischen.
Hier sucht, was zu verbrennen ist.
Packt dies alles ein.

Die Landsknechte werfen die Bücher in ihre Kiste.

RIEDINGER
mit unterdrücktem Zorn
So hält ein Fürst Versprechen!
Und ihr?

CAPITO
achselzuckend zu Riedinger
Jeder dient nach seiner Art. Den Schlüssel
Zu Gottes Wohlgefallen, wer kennt ihn?
zu den Landsknechten
Das ist
Alles, fort mit euch.

Landsknechte ab.

RIEDINGER
aufgebracht
Ein Verbrechen
Gegen Luther, gegen deutsche Glaubenskraft.

ALLE
Wer hiess uns, der Hinterlist und dem Verrat
Zu trauen?

CAPITO
Seid nicht töricht. Was man auch wegrafft
An Büchern, ihr wisst, dass das Wort nicht verwest.
zieht einen Brief hervor, geheimnisvoll
Dies wiegt mehr, als was man euch genommen hat.
alle neugierig um ihn
Gelobt Schweigen!
sie tun's
Ein Brief Luthers an den Kardinal. Lest!

Erregung. Alle lesen flüsternd den Brief.

RIEDINGER
„Es ist meine Meinung, dass sich eure kurfürstliche Gnaden
in den ehelichen Stand begeben und das Bistum zu einem
weltlichen Fürstentum machen und den falschen Namen und
Schein des geistlichen Standes fallen und fahren lassen.“

EINIGE
„Erstens, damit so der Strafe Gottes zuvorgekommen und dem
Satan die Gründe der Empörung genommen werden.“

ANDERE
„Zweitens ist jetzt auch der gemeine Mann so weit unter-
richtet und zu Verstand gekommen, dass er weiss, wie der
geistliche Stand nichts ist.“

DRITTE
„Was will man dann wider den Strom
fechten und etwas halten, was nicht gehalten sein will und kann?“

RIEDINGER und CAPITO
„Ein Vorbild wäre kurfürstliche Gnaden, weil sie gleichsam
mitten in deutschen Landen eines der grössten Häupter
ist. Das würde viele Leute beruhigen und gewinnen und
andere Bischöfe nachziehen.“

EINIGE
„Heraus aus dem lästerlichen und unchristlichen Stande in
den seligen und göttlichen Stand der Ehe hinein!“

ANDERE
„Es ist Gottes Werk und Wille, dass ein Mann ein Weib
haben soll.“

DRITTE
„Es ist hohe Zeit, ehe man die Gelegenheit
versäumt und später nicht mehr dazu kommen kann.“

ALLE
ausser Capito der den Brief wieder einsteckt
Das ist hohes Spiel. Hier ändert man die Welt.

EINIGE
Der stärkste Kirchenfürst in Deutschland.

ANDERE
Ein Schritt von ungeheuren Folgen.

DRITTE
Er hält
Das Geschick des Reiches in der Hand.

ALLE
Der Sieg des neuen Glaubens.

RIEDINGER
Uns kann
Nichts gelegener kommen. Was aber bestimmt
Ihn, zu heiraten?

CAPITO
Er ist Neuerungen
Zugetan, möchte bessern, Vorbild sein.
Frauen sieht er nicht allzu ungern an.
Am meisten drängt ilm Geldnot. Er nimmt
Nichts mehr ein, niemand leiht. Er ist gezwungen,
Neue Quellen aufzutun. Geht er die Ehe ein
Mit einer reichen Frau, ist er aller Schulden
Frei und lebt der Kunst. Das ist's, wonach et strebt.

RIEDINGER
Da wird er sich noch lange Zeit gedulden
Müssen. Ich kenne keinen Fürsten, dessen Kind
Mit grosser Mitgift rechnen kann.

CAPITO
Es klebt
Kein Schmutz an bürgerlichem Geld. Und eine reiche
Frau, vielleicht gar eine Lutherische, zwingt ihn, für
Euch sich zu entscheiden.

ALLE
ausser Capito
Eine ungleiche
Ehe geht er nicht ein. Ihn hindern Eitelkeit
Und Adelsstolz.

CAPITO
Ich kenne ihn. Er wird sich gern
Ergeben,
Die Tür geht auf, Ursula kommt und bleibt an der Tür stehen, als sie die Männer sieht. Capito verneigt sich vor ihr
stellt ihr die rechte Frau bereit.

ab


ZWEITER AUFTRITT

BÜRGER und STUDENTEN
leise
Man könnte päpstlich werden und an Zeichen glauben.

URSULA
tritt näher
Ihr
Stutzt. Verhandelt ihr Wichtiges?

RIEDINGER
Auch dich
Betrifft es.

URSULA
Lasst. Für eure Geschäfte tauge ich
Schlecht.

RIEDINGER
Oft findet eine Frau die Spur,
Wo Männer blind sind. Unsrer Sache könntest du
Unendlich viel helfen.

URSULA
Glaubst du, dass ich dazu
Fähig bin?

RIEDINGER
Wenn du den Willen hast.

URSULA
Sprich nur.

RIEDINGER
Willst du für unsern Glauben alles tun?

URSULA
Ja.

RIEDINGER
Bürden auf dich nehmen?

URSULA
Auch das.

RIEDINGER
Dich opfem?
Ursula nickt
Wenn des Luthertums Zukunft und damit
Des Reiches Wohl fordert, dass du einen Mann
Nimmst, den wir dir geben, Ursula?

URSULA
äusserst betroffen und verwirrt
Wie meinst du?

RIEDINGER
Wundert dich das? Was
Sagst du mir?
Pause
Entschliesse dich zu diesem Schritt,
Er entscheidet über Schicksale, denke daran.
Lasst sie allein.

ALLE MÄNNER
Das Feuer, das so heikel ist,
Dass es nur lutherische Bücher frisst,
Wird jetzt mit unsrer Habe angefacht.
Die Bücher, die oft Leid verscheuchten,
Leiden nun selbst, zum Tod gebracht.
Auch sterbend werden sie uns noch erleuchten.

Riedinger und alle anderen Männer gehen auf den Markt.


DRITTER AUFTRITT

URSULA
Was bin ich anderes in dieser Männerwelt
Als Werkzeug oder Spielball? Ich soll mich
Opfern dem Glauben, muss ohne Fühlen mich ergeben. Will
Ein Gebot, dass auch der letzte Rest des eignen Willens fällt,
Dass Kriegslust und Kampfeifer mehr als den Mann
Mich erfüllen, wo nur aus tiefstem Gefühl
Das Weibliche, das in mir lebt, handeln kann?

Es ist dämmrig geworden. Auf dem Markt hat sich eine Volksmenge angesammelt, die die Zurüstungen der Verbrennung mit allerlei Spässen begleitet. Man hat die herangeschafften Bücher zu einem grossen Haufen aufgeschichtet und zündet ihn nun an. Im Verlauf des folgenden Duetts wächst das Feuer fortwährend an, auch die Erregung der Zuschauer steigert sich. Es wird Nacht. Mathis kommt. Ursula geht ihm stürmisch entgegen.

URSULA
Endlich kommst du, du befreist mich. Nichts ist
Mehr schwer. Mir ist wohl, wenn du da bist.

MATHIS
umarmt sie
Als ich ging, warst du voll Sicherheit. Woran
Leidest du?

URSULA
Dies Jahr, das dir in Arbeit zerrann,
War mir hundertfach lang ohne Freund, Lehrer
Und Rat. Man lebte, stritt, kämpfte. Doch mich
Traf kaum das letzte Rauschen fernen Sturms.

MATHIS
Schwerer
Drückt mich deine Freundschaft, als Hass
Es könnte.

URSULA
Wir sind im innersten Grund
Verbunden, da du mich zu dir zogst und
Mir mehr fast als dir selbst offenbartest. Ich
In der Fülle sehe kaum der andern Armut.
Nimm mich zu dir!

MATHIS
Betöre nicht mit deinem Mut
Den allzu bereiten Glauben. Was wünschte ich sehnender,
Als dich allezeit zu besitzen, in dir quälender
Fragen gnädige Lösung zu finden. Doch
Was soll dir ein greiser Mann? Alter kann
Mit Jugend nicht zusammengehn in einem Joch.

URSULA
Das sagt, der mich lehrte, den Geist zu erkennen!

MATHIS
Der Geist ist krank in mir, von Zweifeln gequält,
Von Missmut fast erdrückt.

URSULA
steigernd
Es ist kein Mann
Ausser dir. Als du fortzogst, gab ich ein Band
Dir auf die Reise mit.
Mathis betroffen
Nichts soll uns trennen,
Solange es bei dir ruht. Bin ich zum Weib erwähIt
Oder zur Magd: Erhebe mich, gib meinem Leben
Sinn. Ich will fort mit dir!

MATHIS
In dunkles Land
Führt mich mein Weg. Ich darf mich nicht weigern, hinein
Zu schreiten, darf mich nicht dem Glück ergeben
An deiner Seite, da nur Kummer und Pein
Die Welt beherrscht.

URSULA
Lehrtest du mich nicht,
Dass Gott in einer Linie Brechung, im Licht
Einer Farbe sich tiefer offenbaren kann
Als in Lust und Leid der Welt?

MATHIS
ausbrechend
Ich kann nicht mehr
Malen. Der Menschen Jammer lähmt mir Arm und Sinn.
Unrecht, Armut, Krankheit, Martern, soll ich daran
Mitschuldig sein, wenn ich zu lässig bin
Zur Hilfe? Mein Blut und Leben eine Wehr
Der Qual! Ich muss ins Elend fahren.

URSULA
Was
Willst du tun?

MATHIS
In den Krieg ziehe ich. Die Antwort
Auf alle Rätsel: Wem gilt deine Arbeit?
Wozu trägt dich die Erde?

URSULA
in Begeisterung
Bei dir ist mein Ort.
Zögst du gegen Hölle und Tod, lass
Mich dir beistehn!

LUTHERISCHE
auf dem Markt
Gar bald wird niederfallen
Mammon, der euer Abgott
Und euch Gottlosen allen
Zu Schanden und zu Spott.
Ihm ist durch Luthers Lehre
Genommen all sein Macht.
Wollt Ihr euch nicht bekehren,
Ihr werdet mit ihm verjagt.

MATHIS
eindringlich
Mit der roten Glut
Eines Alternden liebe ich dich. Bereit
Finden sie mich, das Schwerste zu tragen. Mit mir
Darfst du nicht gehn. Ich muss dich lassen.

URSULA
ungeduldig und verzweifelt
Mathis, du nimmst mir das Leben!

MATHIS
Du sollst mit Mut
Auch dein eigenes Schicksal erkennen.

URSULA
Das mich zu dir
Zwingt.

MATHIS
Suche den eigenen Weg. Erfassen
Musst du, was sich dir verbirgt. Dir kann keiner geben,
Was dich leitet, da alle irren. Allein nur findest du.

PÄPSTLICHE
auf dem Markt
Schau, was ist Guts erstanden
Aus Luthers berühmter Lehr!
All Bosheit ist vorhanden,
Nimmt zu je länger je mehr.
Der Glaub schwebt auf der Zungen,
Die Lieb ist worden kalt.
Wie du das Lied gesungen,
So tanzen jung und alt.

URSULA
Damit
Ich dich verliere!

MATHIS
Sind wir dem Tod bestimmt,
Eint uns das Paradies. Ist uns das Leben, schenkt
Die Zeit ein reines, weises Wiedersehn.

URSULA
Was dein Denken tötend in mich presst, niemals nimmt
Mein Fühlen es an. Blind trägt mich der Schritt
Durch Glut und Eis deiner Vernunft. Nichts denkt
In mir. Eines nur weiss ich: nie vergehn
Wird mein Sehnen, immer liebe ich dich.

BEIDE
Vertrautheit, die mich beglückte ‑ die Liebe, die mich
Stärkte ‑ die Einheit,
In der wir lebten, stirbt dem Leid.

Lange Umarmung. Draussen hat das Feuer und die Erregung des Volkes den Höhepunkt erreicht. Mathis stürzt ab, Ursula sinkt gebrochen auf einen Stuhl. Das Feuer erlischt schnell. Riedinger kommt mit den Lutheranern zurück.


VIERTER AUFTRITT

RIEDINGER
erregt
Unsre Schande leuchtete in des Feuers Schein.
Ist an seinem Brand dein Entschluss nicht
Gereift?
tritt näher zu Ursula
Du kannst so ruhig sein?

URSULA
gefühllos
Der Brand erlosch. Mein Los im letzten Licht:
Wo sich ein Fussbreit Boden zeigt, ergib
Dich ihm, dein Ende zu erdienen.

Diener bringen Wein

RIEDINGER
verwundert und dann erfreut
Freunde, was uns blieb:
Des Widerstandes Stahl härtet sich
Im Feuer, in Flammen glüht die neue Zeit.
Aus unsrer Bücher Asche wird verjüngt Kraft
Und Sinn des Wortes erstehen. In Torheit
Lasst die Narren toben. Steht fest zu Luthers Werk,
Vertraut auf seinen Sieg! Vernunft und Einsicht schafft
Die Bahn, von der Bekehrten Licht erhellt.

Man stösst an. Ursula hält in stummer Verzweiflung ein Glas, ohne zu trinken.

ALLE MÄNNER
Lobt Gott, ihr frommen Christen.
Freut euch und jubiliert
Mit David dem Psalmisten,
Der vor der Arch hofiert.
Die Harfen hört man klingen
In deutscher Nation,
Darum viel Christen dringen
Zum Evangelion.


VIERTES BILD

Königshofen. Spätnachmittag im Juni. Ein kleiner Platz mit beschädigten Häusern. Links eine kleine Gastwirtschaft mit Tischen und Bänken vor dem Haus. Die Fensterscheiben sind eingeschlagen, die Läden hängen halb abgerissen herunter. Rechts eine offene Kapelle mit Marienbild und ewiger Lampe. Die Stadt ist verwahrlost und ziemlich zerstört. Die Bürger sind geflohen, die Bauern haben den Ort besetzt. Vor der Wirtschaft sitzt essend und zechend eine Gruppe Bauern. Der Haupttrupp in der Mitte der Bühne führt den Grafen Helfenstein, dem die Arme auf dem Rücken gebunden sind. Augen und Mund sind ihm mit einem Tuch verbunden, er wird durch Tritte und Schläge vorwärts gestossen. Eine dritte Bauerngruppe hält die sich verzweifelt wehrende Gräfin fest. Gelächter und Geschrei der Bauern.

ERSTER AUFTRITT

BAUERN
Du hast uns lange getreten, jetzt treten wir
Dich in den Dreck. Was wir an Schlägen litten,
Das leidest du. Grausam warst du, du stirbst
An Grausamkeit.

GRÄFIN
Seid ihr noch Menschen?

BAUERN
Zum Tier
Hat er uns gemacht.

GRÄFIN
Nehmt ihn mir nicht, lasst euch bitten.
Verlangt, was ihr wollt, für ihn.

BAUERN
Du erwirbst
Ihn nicht zurück um zwei Tonnen Gold.

GRÄFIN
Lasst ihn doch ein letztes Wort sprechen
Mit mir.

BAUERN
Im Leben hat er das Maul gross aufgerissen,
Drum eile er sich, im Himmel zu flehen
Für uns.

ANDERE BAUERN
Wird er vom Satan in den Pfuhl geschmissen,
Mag er nach seiner Weise kreischen. Bei uns holt
Er sich schweigend seinen Lohn.

PFEIFER des Grafen
tritt ihn
Oft musste ich stehen
Bei dir und zu Tanz und Tafel pfeifen. Brechen
Deine Augen, soll mein Spielen ins Verderben
Dich begleiten. Kommt zum Tanz.

Er nimmt seine Fiedel und spielt. Der Zug mit dem Grafen folgt ihm.

GRÄFIN
schreit verzweifelt
Mann, mein Lieber!
Roheit trennt uns. Voll Angst muss ich dich einsam sterben
Lassen. Habt doch Mitleid mit mir. Nehmt ein Messer,
Quält mich ins Jenseits hinüber,
Nur lasst mich das nicht mit ansehen.

Die Bauern, die sie festhalten, lachen. Die vor der Wirtschaft schreien herüber.

BAUERN
Schluss des Gejammers.
Die Gräfin sinkt zusammen, wird aber wieder hochgerissen.
Du bedienst die Fresser
Und Säufer, Schwester Gräfin. Komm her zu uns.

Die Gräfin wird hinübergeführt.

GRÄFIN
Bis ihr auch mich erschlagt, so lang will ich euch schmähen.

BAUERN
So wächst zum Herrn der arme Kunz.

Einige Bauern drängen und schieben die sich wehrende Gräfin. Man gibt ihr Schüsseln und Kannen und zwingt sie, die Zechenden zu bedienen.

BAUERN
während des Zechens
Wer hat dich geschlagen,
Du armes Bauernpack?
Zins musst du zahlen, Lasten tragen,
Musst dich mit Weib, Vieh, Kindern plagen
Für deinen Herrn.
Wieviel du schaffst, was du vollbringst,
Es endet all in seinem Sack.

GRÄFIN
Da schlemmt, ihr Elenden. Das vergossne Blut
Vergifte eure Speise. Was ihr zu euch nehmt,
Töte euch in Schmerzen. Des Weines Flut
Ertränke euch, die ihr in euch schwemmt.

die Bauern lachen

BAUERN
Doch jetzt kannst du prassen
Ganz wie es dir gefällt.
Du kannst die Reichen dienen lassen,
Kannst fressen, saufen, Weiber fassen.
Als deinen Herrn
Sieh keinen an. Dein ist die Welt.


ZWEITER AUFTRITT

Die anderen Bauern kommen von der Hinrichtung des Grafen zurück. Mathis kommt. Er trägt einen schäbigen Kittel und Bewaffnung, sieht verwahrlost und abgehärmt aus.

MATHIS
Wer hiess euch den Grafen ermorden?

BAUERN
Er hat
Den Tod verdient. Sein Blut floss zur Sühne
Seiner Greuel.

MATHIS
Brüder, kämpft ihr nicht für das Recht?
Ihr wollt die Macht stürzen, eigennützige Tat
Verhindern und seid selbst voll Eigennutz!

BAUERN
Schiene
Dir, was der Bauer tut, schlechter als schlecht,
Was ist es gegen der Reichen Rechtsbruch?

MATHIS
Was kümmern euch die Rinden andrer? Haltet euch selbst rein.

BAUERN
Zuerst die Rache. Dann findet sich Zeit genug
Zu bessern.

MATHIS
Wie stimmt das überein
Mit den Forderungen der zwölf Artikel?

sie umdrängen Mathis

BAUERN
Wir sind die Herren. Wir richten die Welt
Ein, wie wir sie brauchen, wie sie uns gefällt.

Ein BAUER
Wann hatte ich mehr als einen Nickel
In der Tasche?

Ein ZWEITER
Nicht zweimal im Leben ass
Ich mich an Brot satt.

Ein DRITTER
Uns holten sie aus dem Stall
Das Vieh.

Ein VIERTER
Mich hetzten sie mit Hunden, als ich die Gült
Nicht zahlen konnte.

ERSTER
Unsre Habe, der Prälat frass
Sie auf.

ZWEITER
Wir wollen nur Christi eigen sein. Nicht Qual
Dulden von Rittern und Pfaffen.

DRITTER
Kein Herrscher gilt
Als der Kaiser.

VIERTER
Uns ist der Fisch, der Vogel, die Frucht
Des Feldes.

ALLE BAUERN
Haltet euch schadlos. Durchsucht
Alle Häuser. Die Zeit der Entbehrungen
Ist vorbei. Nehmt, was ihr findet.

Sie wollen abziehen. Mathis wirft sich ihnen entgegen.

MATHIS
Ihr versündigt euch. Hört!
Bleibt!

er wird zurückgestossen

BAUERN
Was willst du? Gerufen hat dich niemand.
Dass du kein Bauer bist, sieht dir jeder an.
Was kommst du, mengst dich in unsre Verrichtungen?
Gegen uns ist, wer uns im Genusse stört.
Aus dem Wege.

Einige rücken ab. Andere belästigen die Gräfin.

ANDERE
Schöne Schwester, in unsre Hand
Fielst du nicht vergebens. Ein Bauerntölpel kann
Dir auch schöntun. Du giltst so viel wie er.

GRÄFIN
weicht aus
Welches Leid
Steht mir noch bevor?

BAUERN
Würfelt, lost um sie.

ANDERE
Wer sie sich fängt, mag sie behalten.

MATHIS
kommt der Gräfin zu Hilfe und kämpft mit den Bauern
Barbaren seid
Ihr.

GRÄFIN
flieht zur Kapelle, wirft sieh vor dem Marienbild nieder, die Bauern verfolgen sie
Heilige Jungfrau, erlöse mich. Den Tod
Sende mir als Befreier endlich.

BAUERN
reissen sie weg and zerstören das Bild
Weg vom Götzenbild!
Reisst den Flitter herunter.

MATHIS
schlägt sich mit ihnen
Menschenvieh!
Schreckt ihr vor Raub, Mord und Notzucht nicht
Zurück, so habt doch Ehrfurcht vor Gott
Und seinem Eigentum. Denkt daran, welch ein Gericht
Euer wartet!

wird niedergeschlagen

BAUERN
Wer soll uns richten? Wir
Sind ringsum die Mächtigsten. Jeder Wunsch wird erfüllt.


DRITTER AUFTRITT

Schwalb kommt eilig in Waffen. Regina hinter ihm.

SCHWALB
zornig
Das sieht euch gleich: sich schlagen, schreien, prassen.
Unvernünft'ges Volk! Der Feind rückt an. Ihr
Werdet hart kämpfen müssen. An seinen Platz jedermann!

Die Bauern zerstreuen sich murrend, bringen ihre Waffen.

BAUERN
Was vermögen wir wider des Truchsess Heer?

SCHWALB
Wollt ihr euch niedermachen lassen,
Verrecken wie die Käfer? Uns kann
Nichts retten als ein siegreicher Kampf. Wer
Nicht vergessen hat, weshalb wir in den Streit
Zogen, weiss auch, dass die Gerechtigkeit
Uns siegen lässt.
zu Mathis
Mathis, was hat man dir getan?

MATHIS
Eine kleine Wunde nur, ohne Bedeutung
In dem Elend, das mich umgibt.

Regina verbindet ihn

SCHWALB
Die Verzweiflung
Jahrzehnte lang hat sie mürbe gemacht. Kurze Zeit kann
Die Aussicht auf Besserung sie aufstacheln; beim
Ersten starken Schlag liegen sie darnieder. Die Not nahm
Ihnen noch den Mut.

BAUERN
Kampf und kein Ende.
Was geschieht, wenn wir siegen? Auf den, der heil entkam,
Wartet das ewig gleiche graue Dasein daheim.

REGINA
Den Vater bedrückten so schwere
Sorgen sonst nie. Wie oft zogen wir zur Schlacht,
Wie mutig waren sie.

GRÄFIN
Ihr Übermut ist zu Ende.
Dein Sterben wird gerächt, liebster Mann. Wie
Tapfer waren sie, als sie die Übermacht
Waren!

SCHWALB
Ich bin machtlos, zerstiebe ins Leere.
Ich lebte umsonst, die Hoffhung der Bauern stirbt mit mir.

MATHIS
Ohnmächtig starre ich dem Untergang entgegen. Tod
Und Jammer müssen die Ärmsten leiden, damit die
Reichen reicher werden. Bin ich gegangen
Aus Dienst und Arbeit, um diese Lehre zu empfangen?

SCHWALB
zu Regina
Regina, liebstes Kind, wenn du in Not
Zurückbleibst, sei tapfer, eines tapfern Bauers Kind.
Was ich erträumte, stärke dich. Mein Unvermögen
Sei dir Mahnung. Weine nicht, guter Kamerad.
Er küsst sie, Regina weint. Signal draussen. Alle schrecken auf.
Sie sind da.

reicht Mathis die Hand

BAUERN
in Erregung
Das grause Horn. Der Truchsess naht.

MATHIS
Die Herzen aller Armen schlagen uns entgegen.
Mit uns ist das Vertrauen der Bedrückten. Wir sind
Darum die Sieger.

Signal näher

BAUERN
Denkt an die Böblinger Hölle!

MATHIS
Wir
Liegen hinter sichren Zinnen.

Vorbereitungen zur Schlacht

BAUERN
Unsre Brüder
Wurden geschlagen. Der Berlichinger liess uns im Stich

SCHWALB
Warum schiesst das Geschütz nicht? Besetzt die Mauern!

Signal ganz nahe

BAUERN
Kennt ihr die bündischen Reiter? Sie reiten nieder,
Was ihnen begegnet.

SCHWALB
Feiglinge seid ihr!
Das sind nicht dieselben todesmutigen Bauern,
Mit denen ich auszog. Nehmt euch zusammen. Ich
Weiss, der Kampf wird gut ausgehn. Ihr seid
Die Wegbereiter einer neuen Zeit.

Es ist dämmrig geworden. Angriff des Bundesheeres. Kampfgetümmel. Die Bauern werden geschlagen, das Heer verfolgt sie. Schwalb wird erstochen. Er liegt tot im Vordergrunde, Regina kniet bei ihm. Mathis steht abseits, die Gräfin sitzt auf den Stufen der Kapelle. Der Truchsess von Waldburg mit Sylvester und anderen Offizieren kommt, während das Heer durchzieht.


VIERTER AUFTRITT

TRUCHSESS
Flohen nicht alle? Wer leistet hier noch Widerstand?

SYLVESTER
Ein letztes Nest noch.

TRUCHSESS
Halt, wer liegt da?

SYLVESTER
erkennt Schwalb
Der Schwalb! Was trieben
Wir nicht, ihn zu fangen. Und nun fällt er uns so wohIfeil
Zu.

TRUCHSESS
deutet auf Mathis
Und der?

SYLVESTER
Wer kennt alles Gesindel?
sieht Mathis an
Ein Niemand.

TRUCHSESS         
Warum lebt er noch? Weg mit ihm.

Als Landsknechte Mathis greifen wollen, springt die Gräfin vor.

GRÄFIN
Hört mich! Sie hieben
Meinen Mann nieder, den Grafen Helfenstein.

TRUCHSESS
Das
Sollen sie teuer zahlen. Und ihr Gräfin, seid heil?

GRÄFIN
Dank diesem Mann. Er stiess zurück, die mich
Bedrängten, er verdammte den Mord am Grafen.
Drum bitte ich für ihn: Lasst ihn frei.

TRUCHSESS
Was
Er auch für ein Strolch sein mag, er trolle sich,
Da eine edle Frau für ihn bittet. Unsre Waffen
Schützen euch. Kommt mit uns, Gräfin.

Alle ab ausser Mathis und Regina. Mathis steht wie betäubt


FÜNFTER AUFTRITT

MATHIS
Wagen
Wollen, was ein Wille nicht zu zwingen
Vermag. Sich erheben über die Fähigkeiten
Des Menschen. Ein einziger durfte tragen
Das Kreuz der Welt. Mit seinem Tode gingen
Die Gebrechen zu Grunde der Völker und Zeiten.
Und du Schwacher! Du wolltest erlösen.
Aus Ketten wolltest du die Brüder befrein.
Du massest dir an, der Vorsehung weisen Plan
Zu bessern. Und was bist du gewesen?
Ein unzufriedner Maler, ein
Missratner Mensch. Büsse, was du getan.
Unterwirf dich der Kraft, die dich zerschmettert. Gib
Auf. Schleiche dich wie ein nächtlicher Dieb
Vom Platz deiner Schande. Feuerbrände
Der Selbstqual, irres Rennen im Kreise. Zu Ende.

Als er taumelnd abgehen will, fälIt er beinahe über Regina. Er erschrickt, hebt das weinende Kind auf, nimmt es schützend an sich und geht mit ihm eilig ab.


FÜNFTES BILD

Martinsburg in Mainz, Arbeitszimmer des Kardinals. Albrecht, Capito. Albrecht geht zornig auf und ab.

ERSTER AUFTRITT

ALBRECHT
Wollt ihr mich denn entmündigen? Gestraft
Ist mein Vertrauen auf deinen Beistand: Vormundschaft
Übst du aus. Den Plänen Luthers will ich
Mich nicht fügen, das sagte ich dir oft.
Und trotzdem unternimmst du es, mich
Zu verkuppeln und bestellst unverhofft
Die Anwärterin her. Zum letzten Mal: Der Kardinal
Heiratet nicht.

CAPITO
achselzuckend
Noch weniger kann der Erzbischof
Von Mainz bankrott machen.

ALBRECHT
Dass meine Mittel schmal
Sind, nützt ihr aus. Wem gilt der Aufwand denn?
Der Kirche, dem Staat, dem Volk. Baut man ohne Geld?
Gibt mir ein Maler umsonst ein Bild? Selbst wenn
Ein Dichter den Mund auftut, will er bezahlt sein.
Verschwenden - wie ihr's nennt - kann ich getrost, wenn mich mein Hof
Dafür dem Luthertum verkaufen darf als Vorspann.
Wenn ich will, wird Luther springen nach meiner
Musik, nicht umgekehrt.

CAPITO
Nicht Überzeugung bestellt
Mich zum Fürsprech. Ich glaube dieser Lehre nicht‑ wie keiner
Anderen. Ich sehe nur, dass sie nicht tanzen, wie ein
Noch so hoher Kirchenfürst es wünscht. Niemand kann
Heut Entschlüsse fassen, ohne mit dieser Macht
Zu rechnen.

ALBRECHT
verächtlich
Eine Macht von weggelaufenen Mönchen, von
Aufgepeitschten Bauern, unzufriednen Bürgern!

CAPITO
Die
Kittel sind verschieden, die Meinung ist die gleiche.
Das macht sie stark.

ALBRECHT
beruhigt sich
Hast du denn die Folgen bedacht
Einer Heirat? Zur Unordnung, die schon
Vorhanden, wird Zerstörung sich gesellen. Die Reiche
Des Papstes und des Kaisers werden die Erschütterung
Nicht tragen.

CAPITO
Zwingt der Geschichte euren Willen auf. Wie
Frei entfaltet sich an eurem Hof, was in Dumpfheit
Anderswo erstickt.
lächelnd
Ihr seid nicht gar so weit
Entfernt vom Wunschbild eines lutherischen Fürsten. Was
Euer überlegenes Handeln bestimmt: Die Ahnung
Grosser Zusammenhänge, muss euch zum wenigsten das
Hören lassen, was die Leute vorzubringen
Haben.

ALBRECHT
Vielleicht hast du recht.
wehrt lächelnd ab
Aber Iass sein. Heut
Ist mir's zuwider, mich im Brautstand mit Parteiwirtschaft
Abzugeben.

CAPITO
unterwürfig
Es könnte sein, dass auf dem geringen
Boden der Verhandlung manches erblüht, das euch erfreut.

ALBRECHT
lacht
Du machst, wie immer, selbst das Bittre schmackhaft,
Wenn auch dein Rat mir stets den eignen Willen raubt.

CAPITO
Ein
Guter Rat, ist er's nicht wert?

ALBRECHT
Lass deine Dame nur herein.

Capito öffnet die Tür, lässt Ursula ein und geht ab.


ZWEITER AUFTRITT

Ursula tritt ein. Sie ist bleich und beherrscht mühsam ihre grosse Erregung.

ALBRECHT
verwundert
Du, Ursula! Konnte ich ahnen, dass er dich
Meinte? Auf einen Angriff bin ich nicht gefasst,
Bei dem so starke Streiter kämpfen.

URSULA
lächelt gezwungen
Ich könnte schwerlich
Wagen, mit euch zu streiten. Demütig
Nahe ich, eure Entschlüsse zu erfahren.

ALBRECHT
strenger
Du hast
Kenntnis von dem Plan, der dich und mich betrifft. Ist er
Dir willkommen?

URSULA
gefasst
Willkommen wie das Glück oder der
Tod. Um diesen Pol wird alles kreisen,
Was in mir lebt und denkt und handelt.

ALBRECHT
Gehst du denn froh
Diesen Gang?

URSULA
Da ihr versteht, tragt ihr mir gütig
Einen Teil der Last.

ALBRECHT
Ich kann, was du beweisen
Willst, nicht glauben.
schroff
Sage mir ehrlich: Warum
Dienst du unedlem Handel?

URSULA
zutiefst getroffen, mit Mühe unterdrückt sie ihre Empörung.
Handel? Seht ihr so
Mein Kommen an? Mich treibt, was sich in solcher Grösse nie
Ereignete: In einem unbekannten Mönch weiss
Ein Gedanke kühn Gestalt zu finden, der ringsum
Alle Welt entzündet. Wie mächtig muss er sein, wie
Tapfer auch sein Träger, wie hungrig aller Herzen, dass er
So herrlich Früchte trägt! Die ihm ergeben, wollen Kreis
Um Kreis für ihn erobern. Mit jeder Burg, die fällt,
Stärkt sich ihr Mut, und endlich wagen sie sich an
Das höchste Ziel: an euch. Was Wunder, dass ein Weib schwer
Solcher Macht widersteht und seine Kraft zur Hilfe stellt?

ALBRECHT
Dich macht Begeisterung blind, das nutzen sie für ihren Plan
Geschickt aus. Willst du mich glauben machen, dass du
Nicht weisst, was diese Heirat soll? Der Kirche wollt ihr
Den schwersten Schlag versetzen. Ist erst der stärkste Mauerstein
Gebrochen, stürzt leicht das ganze Haus ein.
Was lautere Mittel nicht erreichen, wird dir
Mit grosser Kunst gelingen. Ein gutes Spiel, zu
Gut die Rolle, die du übernahmst.

URSULA
zittert vor Erregung
Tiefste Scham.
Steigt in mir auf. Die Deutung, die ich höre
Von euch, lässt mich so verworfen erscheinen, dass ich
Vergeblich nur versuchen würde, mich
Zu verteidigen. Nur eins: Ich kam
Reinsten Glaubens, euch zu gewinnen, ich schwöre
Es.

ALBRECHT
lenkt ein
Eine Frau wie du tut solchen Schritt, wenn zu viel
Liebe sie treibt. Du kommst mit kaltem Herzen.

URSULA
abweisend
Was in mir
Liebe war, ging in einer Flut von Tränen unter.
steigernd
Verdammt
Mich für Niedriges, das ich ohne Wissen tat, wenn ihr
Euch selbst geprüft habt. Dass ihr gewogen seid
Der Sache Luthers, liesst ihr uns glauben. Ihr nahmt
Wohlwollend Teil an ihrem Wachsen und gabt
Uns Hoffnung auf gänzliche Bekehrung. Verzeiht
Darum den Eifrigen, dass sie
Euch eilig zu erringen trachten.
Sie steigert sich zu grosser Begeisterung, Albrecht hört ihr erstaunt zu.
Ihr habt
Wie kein andrer Fürst die Macht und Weisheit, das
Reich des neuen Glaubens stark zu leiten.
Das Widersprechende sollt ihr zusammenbinden,
Für Ungeklärtes Formen finden.
Ein Ende macht dem unfruchtbaren Streiten.
Im Volke nimmt der Hader täglich zu. Ihr spürt, wie
Aus dem Glauben Starrsinn wird. Was
Worte nicht mehr schlichten können, wird dem Schwerte
Überlassen. Friedlichste Männer reisst der Strudel mit sich.
Was sie als Recht erkannten, dem ergeben sie sich blind.
Nicht seitwärts schauen sie, das Liebste auf der Erde
Verlassen sie und ziehen in den Kampf. Schmählich
Vergehen sie. In Trauer und des Trostes bar sind
Wir zurückgeblieben.
kniet vor ihm nieder
Seid ihr geringer?
Steht als Bekenner eures Glaubens auf, als Bezwinger
Alles Unentschiedenen. Führt einen Heerbann
Gläubiger Streiter zum Heil hinan.

Tief bewegt hebt Albrecht sie zu sich, sieht sie voll Dankbarkeit lange an und küsst sie auf die Stirn. Dann geht er schnell zur Tür und öffnet sie. Capito und Riedinger treten ein.


DRITTER AUFTRITT

ALBRECHT
fest
Ihr wollt das Ergebnis der Unterhandlung
Wissen. Ihr hattet einen Anwalt, der mit der Kraft
Der Überzeugung warb. Ich bin bekehrt.

RIEDINGER
freudig
Ich bin der Treueste eurer Gefolgschaft,
Der glücklichste Lutheraner.

ALBRECHT
weist ihn ruhig ab
Der Ordnung
Muss der Fürst sich unterwerfen. Treue lehrt
Mich Treue halten, Demut unterweist
Mich in Demut. Die Kenntnis, die ich empfing, heisst
Mich meinen Weg gehen: den Weg der Kirche. Ich
Sühne, was ich versäumte, durch Dienen, Schweigen
Und Gehorchen. Dienen dem Amt. Schweigen der Welt,
Gehorchen meinem Herrn.

CAPITO
beiseite
Auf ihn kann man sich
Nicht verlassen, ich hätt' es wissen sollen.

RIEDINGER
ebenso
Stellt
Weiber nicht auf Männerposten, dann zeigen
Sich bessere Ergebnisse.

URSULA
ebenso
Habe ich das erreicht?
Ist er nicht zu fassen?

ALBRECHT
zu Riedinger
Ihr möget frei euch zu Luther
Bekennen. Es wird sich weisen, ob Gnade ihm beschieden
Ist.
zu Capito
Du, Capito, magst dich umtun nach anderem Dienst.
Mein Leben soll mehr das eines Eremiten
Als eines Bischofs sein. Die Pracht, die mich umgibt, weicht
Karger Einfachheit. Dem Überfluss entsage ich.
Zur Tilgung meiner Schulden diene der Gewinst.

URSULA
Dem Wandernden eröffnen sich nach einem
Überstiegnen Gipfel neue Pfade. Gestorben
Ist, was ich verliess.

ALBRECHT
Den Frieden habe ich erworben
Gelöster Fragen. Ich will, was FaIsches war in meinem
Treiben, in Rechtes wandeln.

CAPITO
Aus dem Paradies
Wies man weniger freundlich den Menschen. Gleichwohl
Geht er bis heute leidlich durch die Welt.

RIEDINGER
Dies
Schlug fehl, wir finden neue Wege. Notwendigkeit soll
Werden, was nur geduldet ist.

ALBRECHT
zu Riedinger
Mein Freund, schmäht
Eure Tochter nicht. Was sie vollbrachte, geht
Mit eurem Plane schlecht zusammen. Und doch erreichte
Sie so viel.
zu Ursula
Wie kann ich dich dafür belohnen?

URSULA
Eine Tochter der römischen Kirche hat leichte
Mühe, Gott zu leben. Fern der Welt mag sie wohnen,
Mag Keuschheit und Gebet geloben. Mein Glaube kennt
Nicht diesen Weg. Strengere Bindung trennt
Mich ab. Mitten im Treiben will ich ausharren,
Will geben und helfen. Bis zum letzten starren
Gedanken will ich mich enteignen. Wollt ihr mir
Gutes tun, so segnet mein Beginnen.

kniet nieder

ALBRECHT
segnet sie
Ungehorsam
Entwachse ich der Kirche, segne ich, was dich ihr
Entfremdet. So vollende du dich einsam
Zu ferner Menschengrösse. Vergönnt
Sei dir, den Wandel Seliger zu schweben,
Zu Gott auf eigne Weise dich zu heben.


SECHSTES BILD

Odenwald. Gegend mit grossen Bäumen im letzten Abendlicht. Regina eilig, Mathis kurz nach ihr.

ERSTER AUFTRITT

MATHIS
Du wirst mich verlieren. Es ist zu lange her,
Dass ich so jung war wie du und so schnell.

REGINA
in fiebriger Hast
Lass uns doch
Weiterlaufen.

MATHIS
Wohin willst du in der Nacht?

REGINA
Wer
Hat mir je gesagt, wohin der Weg geht? Noch
Immer drangen wir ins Unbekannte.

MATHIS
Keiner jagt
Uns mehr.

REGINA
Wie weisst du das? Der liebste Vater, er verstand
Mich ohne Worte, er führte mich zart an der Hand.
Und nur einmal, zuletzt, liess er
Mich allein zurück. Seit ich ihn tot liegen sah,
Im Blute, mit offnen Augen, die wie ein
Wunder des Himmels Schwarze anstarrten, mit den angstvoll
Verkrallten Händen, schüttelt mich die Angst, dass der
Tote Mann mir folgt. Er holt mich ein, ist nah,
Ergreift mich. Und wie sehnlich wünschte ich, mein
Herz bei ihm in Ruhe zu betten. Soll mich Sehnsucht, soll
Mich Entsetzen lähmen? Sage mir: wo ist er?
Versinkt ein Toter, wird er erhoben?
Lass mich nicht allein!

MATHIS
Mein Töchterlein, zusammen bleiben wir.
küsst sie
Beruhige dich. Lege dich zum Schlaf auf meinen
Mantel.
Er bereitet ihr auf dem Mantel ein Lager, bettet sie und setzt sich tröstend neben sie.
Wie mürbe ist des Alters Pein,
Masslos das Leid der Jugend. ‑ Alte Märchen woben
Uns fromme Bilder, die ein Widerscheinen
Des Höheren sind. Ihr Sinn ist dir
Fern, du kannst ihn nur erahnen.
Und frommer noch reden
Zu uns die Töne, wenn Musik, in Einfalt hier
Geboren, die Spur himmlischer Herkunft trägt.
Sieh, wie eine Schar von Engeln ewige Bahnen
In irdischen Wegen abwandelt. Wie spürt man jeden
Versenkt in sein mildes Amt. Der eine geigt
Mit wundersam gesperrtem Arm, den Bogen wägt
Er zart, damit nicht eines wenigen Schattens Rauheit
Den linden Lauf trübe. Ein andrer streicht
Gehobnen Blicks aus Saiten seine Freude.
Verhaftet scheint der dritte dem fernen Geläute
Seiner Seele und achtet leicht des Spiels. Wie bereit
Er ist, zugleich zu hören und zu dienen.

REGINA
Es sungen drei Engel ein süssen Gesang,
Der weit in den hohen Himmel erklang.

MATHIS
Ihr Kleid selbst musiziert mit ihnen.
In schillernden Fedem schwirrt der Töne Gegenspiel.
Ein leichter Panzer unirdischen Metalls erglüht,
Berührt vom Wogen des Klanges wie vom Beben
Bewegten Herzens. Und im Zusammenklang viel
Bunter Lichterkreise wird aus kaum gehörtem Lied
Auf wunderbare Art sichtbares Formenleben.

REGINA
Es eint sich mit ihnen der himmlische Chor,
Sie singen Gott und den Heiligen vor.

Es wird völlig Nacht.

MATHIS
Wie diese ihr klingendes Werk verrichten,
So beten andre. Mit weichen Füssen treten
Sie auf die weicheren Stufen der Töne. Und du
Weisst nicht: musizieren, die Gebete dichten
Oder hörst du der Musikanten Beten.
Ist so Musik Gebet geworden, hört lauschend zu
Natur. Ein Rest des Schimmers solcher Sphären
Mög unser dunkles Tun verklären.

REGINA
einschlafend
Die Welt ist erfüllt von göttlichem Schall,
Im Herzen der Menschen ein Widerhall.

ZWEITER AUFTRITT

Versuchung des heiligen Antonius

Regina ist ganz eingeschlafen, sie verschwindet dann unbemerkt von der Bühne.

MATHIS
Das kann nicht der gleiche Mann sein: dem
Solches einst entsprang, der andre im unfruchtbaren
Jammer vor dem letzten Abgrund. Was ist
Von dem Besitz geblieben? Was tat ich, dass er von mir
Genommen wurde?

Ein Teil der Bühne erglänzt in geheimnisvollem Lichte. Mathis liegt in der Gestalt des heiligen Antonius am Boden. Ein mittelalterliches Schloss erscheint. Die Gräfin des vierten Bildes erscheint als Sinnbild des Reichtums und der Üppigkeit, ihr folgen nach und nach reich geschmückte Leute ihres Hofes ‑ ein Bild nach Art alter süddeutscher Maler.

ÜPPIGKEIT (Gräfin)
Du hast ihn verschleudert. Wem
Schätze wurden, der muss sich reicher sparen.
Nur Überfluss, der weiteren Überfluss frisst,
Gedeiht. Wie kannst du Schöpfer sein, wenn dir
In der Hand zerrinnt, was du hast?

ANTONIUS
Malen und zugleich
Die Münzen zählen; wer das könnte, wäre reich
Und tot der Arbeit.

ÜPPIGKEIT
lacht
Ein Armer, der doch jeden Tag
Das Messer aufhob, sich umzubringen.

ANTONIUS
Das Kind
Hält mich hier.

ÜPPIGKEIT
Welches Leben stünde ihm und dir
Bereit! Mit höchster Kunst verbunden grösster Reichtum.
Ihr Hofstaat umringt schmeichelnd den Antonius.
Die Erde liegt dir zum Genusse offen, dienstbar sind
Dir alle.

Die Figuren treten beiseite. In einem Gewölbe sieht man einen Kaufmann mit verbrämtem Mantel.

KAUFMANN (Pommersfelden)
Ja, fauler Reichtum, faulerer Genuss.
Ist's das, was einem Manne offen lag?
Mit deinem Reichtum musst du dir Macht schaffen.

ANTONIUS
Mir
Stand noch immer frei, nach meinem Willen zu tun.

KAUFMANN
Und was wolltest du? Bis zum Überdruss
Malen. Benutze deine Mittel, um
Andere zu unterdrücken. Gibt es das, wovon
Sie schreiben: Göttlichen Geist, kann er nur in dem ruhn,
Der andere beherrscht. Sieh nur, wie dich schon
Mächtigere banden. Ein Kind entreisst den Krumen
Deiner Macht dir leicht: den Beschluss über dich selbst.

ANTONIUS
Was
Ist mir Macht, wenn ich den Nächsten leiden sehe?

KAUFMANN
Nie
Soll dich fremdes Leid berühren.

ÜPPIGKEIT
In den Heiligtumen
Mammons sorgt sich niemand. Ein Gran, das du ins Fass
Des Abfalls wirfst, frisst dankbar gierig ein Bettler. Die
Gute Tat beruhigt obendrein noch dein Gewissen.

Kaufmann und Üppigkeit abseits. Zu Antonius Füssen liegt eine Bettlerin in zerlumptem Kittel.

BETTLERIN (Ursula)
Gibst du noch so viel, du stellst niemals den Mangel ab.
Gib mir und gib mir noch. Ich will den Bissen
Des krassen Hungers nicht zu schnell erliegen. Du
Hilfst das Gleichgewicht erhalten, bewahrst du mich vorm Grab,
Damit ich ewig heischen kann.

Sie wirft den Kittel ab und steht in verführerischer Schönheit vor ihm.

BUHLERIN (Ursula)
Ich bin zu
Wenig, mache mich zu Vielem. Masslos wächst in mir
Das Begehren. Fasse, was sich dir bietet,
Da es in sich nicht Halt und Fassung findet.
Ein Leib wird einzig Sucht. So brünstig ist ein Tier,
Ein Gott so feurig. Im spröden Stoffe
Ein Kreissen, das dich und mich erspriessen lässt.
Gib berstend, was im Innern siedet.
Nimm, dass Geben sich an Nehmen bindet
Und Neues zeugt.

ANTONIUS
Wie grosse Lust ich mir erhoffe,
In einem Augenblicke reift, was als schaler Rest
Sogleich verstirbt.

BUHLERIN
Für diesen. Augenblick
Sollst du leben.

ANTONIUS
In uns ist so viel Edles, das im Schlund
Des Gemeinen nicht untergehn darf.

Frauen werfen der Buhlerin ein graues Tuch um. Der Platz vor einem Stadttor tut sich auf. Männer mit Stangen und Waffen schlingen Stricke um die Buhlerin und ziehen sie zum Platz.

MÄRTYRERIN (Ursula)
Über die Lust hinaus
Wächst nur der Schmerz. Jedes Wort, das mich zurück
Weist, trifft mich mit hundert Dolchen. Mein Mund
Klagt nicht. In stummer Pein trage ich aus,
Was ich an Schmerz empfing. Führt mich zur Mordstatt.
Wer leidet, muss zu Ende leiden. Du tötest mich.

ANTONIUS
Nicht ich! Uns tötet das matte Kriechen
In dumpfer Lust, in dumpfem Elend.

Während man den Richtplatz bereitet, tritt Capito in Gestalt eines Gelehrten zu Antonius.

GELEHRTER (Capito)
Und dich hat
Der Tod vergessen, da du auch nur dumpf verdriesslich
Kriechst? Willst du an kranken Gedanken hinsiechen?
Hier stirbt ein Mensch. Beachte seine Atemzüge.
Vergleiche mit der Uhr, ob er nach Vorschrift stöhnt.
Die Wissenschaft hilft dir die Welt meistern. Sei kalt!

ANTONIUS
Du weisst, und was du weisst, ist Lüge.
Wer rettet mich? Wie furchtsam auch mein Arm sich anlehnt,
Noch tiefer falle ich.

Aus der Stadt reitet mit Gefolge der Kriegsherr (Schwalb) in glänzender Rüstung zur Richtstätte. Gewirr von Menschen und Geräten.

KRIEGSHERR (Schwalb)
Du bist zu alt
Geworden. Nur Krieg häIt ständig jung.

ANTONIUS
Stand
Ich im Kriege nicht meinen Mann?

KRIEGSHERR
So gut du
Konntest. Empfindsamkeit schwächt die Schlagkraft.

Mit einer Handbewegung bietet er den Zurüstungen Einhalt. Das Bild verwandelt sich langsam in die auf der Versuchungstafel des Isenheimer Altars dargestellte Landschaft.

KRIEGSHERR
Was uns zu
Leicht ist, trägst du schwer. Blut, das fliesst, zerstörtes Land
Bricht dich entzwei. Du willst nicht sehen, dass Untergang
Auferstehung ist. Sei froh, dass man dich duldet, da du
Nicht zerstören kannst, um Neuem Platz zu
Schaffen.

In der Mitte spielt sich ab, was auf Mathis' Tafel dargestellt ist: Dämonen quälen Antonium. Die Solisten und der Chor füllen alle anderen Teile der Bühne.

CHOR
Dein ärgster Feind sitzt in dir
Selbst. Ist dir die Gabe, Dinge zu sehen, sieh
Nicht zu genau hin. Kannst du denken, denke nichts
Zu Ende. Bezwinge dich, Letztes zu erfühen.
Kannst du dich nicht bescheiden, stösst dich zurück
Das Leben, die Hölle nimmt dich auf.

wildes Gewühl

Wir
Plagen dich mit deines eignen Abgrunds Bildern. Wie
Schlägt der gefiederte Bruder herzhaft zu. Gebricht's
Am Pferde, kann man auch auf Kröten reiten. Die vielen
Irren Augen durchstechen dich. Stracks reisst man dir
Den Mantel fort, die Strähnen rauft man dir aus.
Man tritt dich, hört nicht dein Geschrei. Ein
Kranker wälzt aussätzig sich heran. Ein Tier
Beisst dir die Hand. Ringsum stürzt ein das Haus.
Wenn auch das Gute für dich streitet, kein
Sieg wird ihm. Mit uns im Bund ist die Natur.
Was gross ist, ist heut schrecklich gross, das Bunte
Grässlich bunt. Was tief ist, führt zum Höllengrunde.
Wald, Berg und Himmel brüllen geil im Aufruhr.
Gib auf den Widerstand, vernichtet steh!
Uns gehörst du, wir sind dir höllisch nah.

zugleich singen alle Solisten

ANTONIUS
Ubi eras, Jhesu bone, ubi eras, quare
Non affuisti, ut sanares vulnera mea?

MÄRTYRERIN
Verzichte nun, da du im Entsagen so geübt,
Auf jedes Mittel, das dir Rettung aus der Not gibt.

ÜPPIGKEIT
Wie gut, wenn man Reichtum zu schützen weiss.
Die Hölle lässt sich kaufen um einen guten Preis.

KRIEGSHERR
Das ist's, was dir jetzt fehlt: ein scharfes Schwert zur Kraft
Und blinder Mut, der dir die Plage vom Halse schafft.

GELEHRTER
Durch Wissen kannst du alle Schrecknisse besiegen.
Wer liesse sich nicht durch Formeln unterkriegen?

KAUFMANN
Macht gegen Macht, die Kräfte stünden gleich,
Wärst du der Rechte. So trifft dich der Todesstreich.

Es ist dunkler geworden. Auf dem Höhepunkte erlischt der Spuk. Eine neue Landschaft erstrahlt in sanftem Lichte: es ist das Bild der Begegnung zweier Heiliger, des heiligen Paulus und des heiligen Antonius, Isenheimer Altar.


DRITTER AUFTRITT

Der heilige Antonius in der Einsiedelei des heiligen Paulus

Antonius liegt am Boden. Paulus (Kardinal Albrecht), in geflochtenem Schilfkleld, hebt ihn auf.

PAULUS (Albrecht)
Mein Bruder, entreisse dich der höllentiefen Qual.

ANTONIUS
Lass mich im Pfuhle untergehen, ich
Bin nicht wert, dass du ausstreckst die Hand.

PAULUS
Deines Unwerts Bewusstsein erhöht dich, all
Dein tödlicher Krampf wird gelöst, nimmst du mich
Als deinen Beichtiger.

ANTONIUS           
Die heiligen Männer fand
Der Tod wie alle Menschen. Gleichwohl leben sie.
Ich, der ich lebe, bin gestorben.

PAULUS
Und wie starbst du?

ANTONIUS
Ich tötete mich selbst und weiss nicht wie.
Was ich auch trieb, ob es in Gottes Augen gut,
Ob Übel ist, mir erschien es recht.

PAULUS
Du warst zu
Eilig, hast nicht gut bedacht. Setze dich hier, bis
Ich dir klärte, was trübe scheint.

Sie sitzen sich gegenüber. Das ist ungefähr die Szene des Altarbildes.

In der Hut
Deiner Arbeit lebtest du. Geborgen warst du,
Meisterschaft trug dich, der Väter Kenntnis.
Du warst, da du tiefer schaust als andre, den Kreis
Bald abgeschritten, der dir nach Überlieferung
Und Standesbrauch gesteckt war. Weil du allzu
Fest standst, wanktest du. Dich berührte in Welschland leis
Fremder, süsser Kunst neue Verkündung.
Stürme durchtosten unsre heilige Kirche, dich
Rissen sie fast aus dem Boden. Du flohst zur Armut.
Zweifel quälten dich. In Elend und Krankheit
Haustest du. Stärker bekämpften sich
In dir Wankelmut und Treue. Wo nur für Kampf und Blut
Platz ist, gedeiht nicht die Kunst. Der Zeit
Gebrechen mahnten dich, du fühltest dich mitschuldig
Und warfst dich selbst in den Streit.

ANTONIUS
Ja, meinem Gott mich
Darzubieten, meinem Volke Blut und Geist
Zu opfern. Und warum war ich nicht würdig
Der Gnade?

PAULUS
Du bist zum Bilden übermenschlich
Begabt. Undankbar warst du, untreu, als du dreist
Göttliche Gabe verleugnetest. Dem Volke entzogst
Du dich, als du zu ihm gingst, deiner Sendung entsagtest.
Kehre zurück zu beidem: Alles, was du schaffst, sei
Opfer dem Herrn, so wird in jedem Werke er wirksam
Sein. Wenn du demütig dem Bruder dich bogst,
Ihm selbstlos dein Heiligstes zu bieten wagtest
Im eigensten Können, wirst du gebunden und frei
Ein starker Baum im Mutterboden stehen. Stumm,
Gross, ein Teil des Volkes, Volk selbst. Wenn man dir alles nahm
Und dich darob vergass: der Baum weiss nicht um seine Frucht.
Und wenn sie dich gleich erschlügen: das Schöpfertum
Mit seinem Leibe zahlen, ist das schwer? Was du gesucht,
Gelitten, deinem Wirken gebe es den Segen
Der Unsterblichkeit. Geh hin und bilde.

ANTONIUS
Mich hat in dir
Gott selbst berührt, der Mund des Volkes sprach durch dich.

Die Landschaft verwandelt sich abermals. Man sieht im hellsten Morgenlichte die Stadt Mainz und den Rhein.

BEIDE
Dem Kreis, der uns geboren hat, können wir
Nicht entrinnen, auf allen Wegen
Schreiten wir stets in ihn hinein. Über uns zeigt sich
Ein weiterer Kreis: die Kraft, die uns aufrecht
Erhält. Was wir auch beginnen: sollen wir uns echt
Bewähren, muss unser Tun nach beiden Mitten weisen.
Lasst uns dem Boden danken. Lasst uns den Himmel preisen.
Alleluia!


SIEBENTES BILD

Mathis' Werkstatt in Mainz. Es ist Nacht, eine Kerze brennt. Im Halbdunkel gewahrt man eine Anzahl herumstehender Bildertafeln. Skizzen‑ und Massblätter liegen allenthalben herum, Zeichnungen hängen an den Wänden. Vor einer in Arbeit befindlichen Tafel liegt Mathis in einem Zustande völliger Erschöpfung inmitten von Mal- und Messgeräten. An der Seite steht ein Ruhelager, auf dem Regina schlafend liegt. Ursula sitzt wachend daneben.

ERSTER AUFTRITT

URSULA
Das ist der Kreuzweg, wo sich Tod und Leben scheiden.
Todesmattigkeit, noch nicht dem Leben zuückerwacht;
Ein Schlafen, das nur letzte Stärkung ist, die lichten
Tore des Jenseits zu ertragen. Zwischen beiden
Noch Ärmeres als Tod und Schlaf: die hohle Pracht
Lebendigen Hierseins; ein Pendeln in Pflichten,
Die man erfand, ihm Sinn zu geben.
steht auf, sieht nach Mathis
Als er zurückkam,
Ergoss sich in unbändigem Strom sein Schaffen. In wirren
Taumeln des Höhersteigens gebar er Tat um Tat, nahm
Unmenschlichen Laufs die Gipfel des Tuns, entreisst fast
Dem Schöpfer Geheimnisse des Gebarens, die ihren
Raffenden Entdecker blenden. Unter der Last
Des Vollendeten bricht er zusammen.
setzt sich wieder
Noch nicht
Erwachen, schon hinüber schlafen - was sich spannt
Dazwischen, ist es des Lebens wert?

REGINA
richtet sich auf
Ursula.

URSULA
Mein Kind.

REGINA
Sag mir, was soll das trübe Licht?
Schafft er nicht mehr?

URSULA
Er liegt, mit matter Hand,
Erschöpft inmitten seiner Tafeln da.

REGINA
erregt
Was er gemalt hat, weisst
Du es? Das entsetzte Staunen,
Das ich im toten Auge meines Vaters sah.
Es liess mich nicht mehr los. Ständig und überall reisst
An mir die Angst, die Nacht schreckt mich. Das Raunen
Der Bäume, das Murmeln des Wassers, es spricht mir nah
Vom toten Grauen. Als ich den Heiland
Gekreuzigt sah auf seinem Bild, erschien mir
In neuem Schreck die Deutung: Wen solche Angst heimsucht, der
Kann nicht leben.

URSULA
stützt sie
Gib mir deine Hand.
Der Heiland litt die Todesangst, um dir
Die Furcht zu nehmen.

REGINA
Trug er so schwer
Und nahm mir schwachem Menschen doch so wenig ab.
Könnte ich des Vaters starre Miene damit
Lösen.

URSULA
Du hast es schon getan.

REGINA
sinkt zurück
Ich hab'
Den einen Wunsch, ihn froh zu sehen.

URSULA
Er tritt
Zu dir, wenn du die Augen schliessest, dich
Auszuruhen.

REGINA
sehr still
Bald. - Ich bitte dich um eins.
Gib meinem Freunde dies.
gibt Ursula das Band
Es band mich hier
An ihn. Droben soll er mir daran kenntlich
Sein, wenn er körperlosen Scheins
Schwebt in himmlischen Stimmen.
ganz leise
Es sungen drei Engel ein süssen Gesang,
Der weit in den hohen Himmel erklang.

Ursula küsst das Band, benetzt es mit Tränen. Sie geht zu Mathis, weckt ihn auf und weist auf Regina. Mathis schrickt auf, geht zu Regina, steht in wortlosem Schmerz bei ihr. Ursula neben ihm.

REGINA
richtet sich noch einmal schwach auf, ergreift Mathis' Hand
Bist du da ‑ sind deine Augen freundlich ‑
Nicht fremd mehr ‑ Vater. ‑
sinkt zurück, stirbt
Vieles weiss ich.

Das Licht verlöscht. Zwischenspiel. Nach einer Weile wird es hell. Im frischen Morgenlichte sieht man denselben Raum. Die Tafeln und alle Malgeräte sind entfernt, auch das Ruhelager ist nicht mehr da. Auf einem Tisch liegen zum Einpacken bereit die Habseligkeiten Mathis': Bücher, einige Kleider, Gläser, Tiegel, Messwerkzeuge, Pinsel, Farben, Schmuckstücke. Mathis steht unbeweglich allein. Die Türe öffnet sich, Albrecht kommt mit offenen Armen auf Mathis zu.


ZWEITER AUFTRITT

ALBRECHT
Du bringst es über dich, mein Freund, mir solche Botschaft
Zu senden! Woran hab' ich es fehlen lassen?
Ich bin zu mindren Werts, um deinem wahrhaft
Heiligen Tun Preise zu bieten. Lass meine
Liebe nicht die Pein erdulden.

MATHIS
Wer kann so erfassen
Wie ihr mein Handeln, da ihr selbst mein Unrecht verstandet.
Seht, alle Arbeit ist getan. Keine
Stunde meines Wandels vergeudete ich. Der Welt
Und Gott gab ich, was ich mit schwachen Kräften schuf.
Nun, da mein Schifflein landet,
Kann ich, ein alter Mann, das weite Meer
Mit Wehmut schauen, nicht mit Trauer.

ALBRECHT
Nimm mein
Haus als eine Warte, die mit der Ruhe dir den Blick
Ins Weite bietet. Nichts wird dich stören, nur ein
Treuer Freund wird manchmal zu dir wallen.

MATHIS
Mein Glück
Wollt ihr. Verschwendet nichts. Nur kurze Zeit
Verbleibt mir, dann ergeht der letzte Ruf.
Mein Geist, zu matt, der Kunst zu dienen; mein Leib, der
Schweren Mühen satt, sie beide sollen weit
Von allen Stätten früheren Strebens geduldig
Das Ende erharren. Lasst mich mein Sterbeplätzlein
Suchen, wie ein Tier im Wald.

ALBRECHT
Wie sehr mich schmerzt, was
Du mir zufügst, ich bin dir stumm Gehorsam schuldig.
Uns trennt die Macht, die wir nicht meistern. Das
Werk wird ewig von dir zeugen, wenn dein
Leib vergeht, dein Name erlischt. Leb wohl.

umarmt ihn und geht ab


LETZTER AUFTRITT

MATHIS
allein
Auf denn zum letzten Stück des Weges. Leicht
Will ich die Schwelle übertreten. Wie
Sich alle Frucht von mir löste, sei auch das letzte Blatt
Aus reifem Herbst dem Boden übergeben.

Er öffnet eine Truhe und beginnt, seine Habe hineinzulegen, bei jedem Gegenstand liebevoll verweilend.

Hohl
Wie das Grab die Truhe. Dem Schlaf reicht
Die Hand die kleinen Leichname. Sie
Mögen noch bewahren, wenn man mich begraben hat
Einen Hauch dessen,
Iegt eine Papierrolle in die Truhe
Was ich an Gutem übte,
versenkt Massstab und Zirkel
Was ich erstrebte,
legt Farben und Pinsel hinein, nachdem er sie gestreichelt hat
Was ich erschuf,
eine goldene Kette
Was mir an Ehren ward,
einige Bücher
Was mich bedrängte,
küsst das bunte Band
Was ich liebte.